Die Liebe zur Gleichheit im neuen Tunesien

Dieser Artikel findet sich auch bei der Mädchenmannschaft.

Die Tunesier_innen gaben den Startschuss für die demokratisch-revolutionären Umwälzungen in der arabischen Welt. Mit dem Umbruch wächst auch die Hoffnung auf die Neuetablierung und Ausweitung bereits bestehender Frauenrechte. Seit der Unabhängigkeit von 1956 sind Polygamie und Verstoßung in Tunesien gesetzlichen verboten, es besteht die Möglichkeit einer gerichtlichen Scheidung auf der Grundlage von Geschlechtergleichheit. Das Frauenwahlrecht wurde ebenfalls 1956 eingeführt, seit 1963 war Abtreibung unter bestimmten Indikationen erlaubt und ist seit 1973 straffrei. Nach offiziellen Angaben werden 99% aller tunesischen Mädchen eingeschult und 50% der Abiturient_innen und Studierenden sind weiblich, während ein Viertel aller Frauen erwerbstätig ist(Quelle: taz). Das ist das frauenrechtliche Erbe der autokraten Herrschschaft von Ben Ali und seinem Vorgänger Bourguiba. Gleichberechtigung unter staatlicher Führung war sowohl erwünscht als auch gefördert. Frauen erhielten im Übergang in eine postkoloniale Gesellschaft Zugang zu Bürger_innenrechten, Bildung und zum Arbeitsmarkt. Realpolitsch bedeutete das, dass unabhängige Frauenorganisationen verboten oder überwacht und unterdrückt wurden. Öffentliche feministische Aktionen waren unmöglich und/oder der Polizeiwillkür unterworfen.

Die Jasminrevolution in Tunesien hat Feministinnen wie der Frauenforscherin Emna Ben Miled, die trotz der staatlichen Repressionen schon vor der Revolution aktiv waren, zu einer neuen Sichtbarkeit verholfen. Ihre Meinung zum Schleier und religiösen Konservatisvmus ist gefragt und sie fordern eine Ausweitung der gesetzlichen Grundlage der Frauenrechte. Im der neuen tunesischen Verfassung wollen sie den Grundsatz der Geschlechtergleichheit verankert sehen und fordern eine Reform des Erbrechts so wie ein Gesetz zur Strafverfolgung von Gewalt gegen Frauen.

Seit dem 14. Januar 2010 ist die Öffentlichkeit weiblicher geworden, die Revolution hat auch jene Frauen politisiert, die sich davor als frei und unabhängig wahrgenommen haben und keinen Anlass für frauenpolitische Reformen sahen. Wachgerüttelt von den Bildern der brutalen Polizeigewalt zu Beginn der Unruhen verfolgen sie jetzt kritisch die politischen Entwicklungen im Land. Ermöglicht wird dies nicht zuletzt durch die Quellen des web 2.0 und Aktivistinnen wie Lina Ben Mehnni. Auf ihrem Blog A Tunisian Girl berichtet sie über die Repressionen vor und nach der Revolution, die Umsetzung der gesetzlichen Bestimmungen im Alltag der tunesischen Frauen und stellt andere Frauenrechtlerinnen vor.

Mit der religiös-konservativen Oppositon als bestorganisierter politscher Partei muss auch die Frage nach der Rolle eines religiösen Konservatismus im neuen Tunesien gestellt werden. Die Frauen, die Ende Februar dieses Jahres ein zweites mal auf die Straße gingen, um den Rücktritt des Übergangspremiers Gannouchi zu erwirken, haben davor keine Angst. Das Nein der tunesischen Frauen zu Diskriminierung schließt die Forderung nach einer Minoritätenvertretung mit ein. Damit ist es ein Ja zur Diversität, das sich einer religiös-konservativen Opposition gewachsen fühlen kann. Die enorme Zivilcourage,  die die Tunesier_innen während und nach der Revolution gezeigt haben, lässt hoffen, dass der tunesische Weg in die Zukunft zu einer erstakten politischen Teilhabe, einer weiblicheren Öffentlichkeit und in eine plurale Gesellschaft führen wird. Wie schnell und in welcher Form das passiert, werden die Tunesier_innen selber bestimmen. Der neue Premier Essebsi gilt als laizistischer Politiker, der den Grundsatz der Geschlechtergleichheit in der Verfassung verankern will. Den größten Anteil an der Ausweitung der Fauenrechte und deren Umsetzung in der sozialen Praxis werden aber die Tunesierinnen selber haben. Ihr Selbstvertrauen ist in und durch die Revolution enorm gewachsen. Um es in den Worten einer tunesischen Ärztin zu sagen: „Sollte man versuchen, uns Frauen etwas wegzunehmen, bin ich sofort wieder auf der Straße.“

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Flexibel identisch: The United States of Tara

Morgen Nacht startet in den USA die dritte Staffel der Dramedy Serie „The United States of Tara“ auf dem Privatsender Showtime. Seit dem 4. März ist die grandiose TV-Show von Diablo Cody (Juno, Candy Girl: A year in the Live of an Unlikely Stripper) auch auf der ARD zu sehen, immer in Doppelfolge, leider zur unsäglichen Sendezeit von zwei Uhr nachts. Einsfestival zeigt die ersten beiden Staffeln ab Montag (28.03.) zur rezipient_innen-freundlichen Zeit um 20.15 Uhr.

Die Protagonistin Tara Gregson hat einen Beruf, einen Mann, zwei Kinder und eine disoziative Identitätsstörung. In den unpassendsten Momenten ihres Familienalltags schnappt sich eines ihrer Alter Egos ihren Körper, um als erlebnishungrige16-Jährige (T) , pornophiler Vietnam-Veteran (Buck) oder Hausfrau aus dem 50-er Jahre Horrorkabinett (Alice) auf der Bildfläche zu erscheinen. Was das Sexualleben von Taras Mann kompliziert macht, ist für ihre Kinder oft ein Segen, zum Beispiel wenn sich Alice den Lehrer ihres Sohnes vorknöpft oder Buck den rüpelhaften Verehrer ihrer Tochter verprügelt. Ihre Tochter Kate ist hübsch, altklug und gelangweilt und posiert als Prinzessin Valhalla Hawkwind im Internet als Superheldin ohne Vagina. Ihr Sohn Marshall sucht nach seiner sexuellen Identität, die irgendwie homosexuell und intellektuell ist, ohne genau zu wissen, wie und mit wem er das ausleben sollt. Ihre Schwester will einen Mann heiraten, der sich auf den Hochzeitsfotos gut macht, aber die dazugehörige Nacht lieber mit ihrem unattraktiven Nachbarn verbringen. Jede Figur der Serie sucht nach ihrer Identität innerhalb von Kategorien, in die sie nur unzureichend zu passen scheinen, während Taras Alter Egos eine überraschend stabile Identität haben. T will Spaß haben und Jungs aufreißen, Buck will Bier trinken und Frauen aufreißen, Alice will Kuchen backen und Kinder kriegen. Klar, der Hauptspannungsbogen für die Zuschauer_innen ist „Welches dunkle Geheimnis, an das sich Tara nicht erinnern kann, hat ihr Identitäts-Shifting ausgelöst“, aber da ist noch mehr. Dass ausgerechnet die Figuren, die ohne Taras Identitätsstörung gar nicht existieren würden, eine kohärente und fix verortete Identität haben, weist über die reine Handlungsebene hinaus. Mit einer Protagonistin, die irgenwo in den Suburbs von Kansas City unterschiedliche Alter Egos entwickelt, führt „United States of Tara“ auch einen Diskurs über die flexiblen Grenzen von (Geschlechts)identität und ironisiert ganz nebenbei so ziemlich alles, was der zwangsheterosexuellen Matrix hoch und heilig ist. Kategorien wie Realität und Identität werden mit viel schwarzem Humor, aber immer mit der nötigen Sensibilität verhandelt. Letztlich wird die Frage gestellt, wer oder was Identität eigentlich „aufführt“: der Körper, das Unterbewusstsein oder die erlernten Muster?

Meine Empfehlung – unbedingt anschauen! Und wer Einsfestival nicht empfangen kann oder nicht bis zwei Uhr nachts aufbleiben will, dem oder der sei zur Bestellung von Staffel I oder ähnlichen Dingen das Internet empfohlen…

Burka revisited

Gerade war ich noch der Meinung, dass das Burka-Verbot in Deutschland nicht ernsthaft diskutiert wird und ich mich erst mal nicht weiter darüber aufregen muss – da verbietet die Stadt Frankfurt einer  Angestellten die Ganzkörperverschleierung im  öffentlichen Dienst. Warum genau, das konnte ich den  Artikeln zum Thema (wie z.B. in der taz) nicht wirklich entnehmen. Scheinbar ist Menschen, deren Gesicht nicht zu sehen ist, einfach nicht zu trauen. Und klar, die Frau, um die es geht, hat natürlich keine freie Entscheidung getroffen, sondern wird von ihrem Mann zum Tragen des Ganzkörperschleiers gezwungen. Wie unwahrscheinlich es ist, dass sie nach der Geburt ihres vierten Kindes unfreiwilliger Weise statt mit Kopftuch voll verschleiert zur Arbeit erscheinen will, darüber will ich mich gar nicht erst auslassen. Darüber, wie wenig sinnvoll es ist, ihr das vermeintlich aufgezwungene Kleidungsstück bei der Arbeit zu verbieten und sie damit auf Haus und Arbeitslosigkeit zurückzuwerfen, allerdings schon. Aber  um die Frau und ihre angenommene Unterdrückung geht es in der Berichterstattung nur marginal, in erster Linie geht es um westliche Grundwerte und deren öffentliches Erscheinungsbild.

Also: muss ich wirklich das Gesicht der Angestellten im Bürgerbüro sehen, um mich von ihr wahrgenommen zu fühlen und betreut zu werden? Inwiefern hält der Ganzkörperschleier sie davon ab, ihre Aufgabe freundlich und kompetent zu erledigen? Um wessen Freiheit und um wessen Rechte geht es hier? Wie eine Kommentatorin eines weiteren taz-Artikels sinnig bemerkt, ist es auch mir lieber, freundlich und kompetent betreut zu werden, als freie Sicht auf Gesicht und Körper zu haben. Letzteres zähle ich weder zu meinen Grundrechten noch zu meinen Bedürfnissen.

Bleibenden Eindruck haben die Bilder hinterlassen, mit denen die Debatte illustriert wurde: kein Nikab, kein Tschador (die wohlgemerkt die Augen offen lassen, was  zur Wahrnehmung der anderen Person durchaus genügen dürfte, wenn die Argumentation schon so geführt wird), nein: die grau-blaue, afghanische Burka wird abgebildet – kein anderes Bild wirkt so polarisierend, wenn es um die Konstruktion der vom Islam unterdrückten Frau geht (auch an anderer stelle ist das schon aufgefallen). Dass das vermutlich nicht der Ganzkörperschleier ist, in dem  die Frau zur Arbeit erscheinen wollte, wird dann  im bereits verlinkten weiteren taz-Artikel erwähnt, in der Bildunterschrift oder im fraglichen Artikel allerdings nicht (die nzz hat es immerhin geschafft, eine Bilderstrecke verschiedener Ganzkörperschleier anzuführen, obwohl auch hier die Burka als visueller Aufhänger dient). Wer sich gerne kurz und knapp einen Überblick über die  meist getragenen Ganzkörperschleier verschaffen möchte, kann mal kurz hier klicken. Da die Frau, um die es geht, marokkanische Wurzeln hat, ist die Burka wohl eher nicht ihre favorisierte Wahl.

Nach Hessen prüft jetzt auch Niedersachsen das Burka-Verbot  (und das ohne konkreten Anlass) und da ich diesen Artikel unter „Burkablase“ kategorisiert habe, hier ein paar Zahlen, die ich der Juniausgabe von an.schläge (2010) entnommen habe: in Deutschland gibt es 100 Frauen, die sich voll verschleiern (von 3 Mio. Muslimen und Muslimas),  in Frankreich 2000 (von 5 Mio. Muslimen und Muslimas), in Dänemark sind 50% der  Trägerinnen konvertierte Däninnen –  in den anderen europäischen Staaten sieht es nicht viel anders aus. Das ist nicht viel, aber die Tatsache allein scheint in der europa-weiten Burkadebatte keine Rolle zu spielen. Sicher, bereits eine  einzige entwürdigte Frau ist schützenswert und diese Tatsache führt zu einem interessanten Punkt.  Wird die Würde der scheiertragenden Frau automatisch verletzt, weil der Islam frauenfeindlich ist und muslimische Frauen grundsätzlich keine eigenen Entscheidungen treffen? Immerhin ist es ja vorstellbar, dass sie schleiertragend ihre Würde wart und nicht etwa verliert. Die Frau selber kommt mal wieder nicht zu Wort, bzw. findet keine Fürsprecher, solange sie den Schleier trägt. Statt dessen wird über sie gesprochen und ihr eines der finsteren Bilder zugewiesen, die der Okzident für den Orient momentan zur Verfügung hat: das grau-blaue Ganzkörpergefängnis aus Afghanistan.

Was mich am meisten aufregt: Hier wird der Grad der Entblößung des weiblichen Körpers zum Gradmesser der Freiheit  „unserer“ Gesellschaft und der Integration der Muslima in dieselbe – und das komplett ohne Selbstreflexion des eigenen Standpunkts. Eine Selbstbefragung oder eine Befragung des Gegenübers scheint nicht stattfinden zu müssen, weil Freiheit und Würde in der Argumentationslinie bereits gesetzt und nicht verhandelbar sind. So wird die verschleierte Frau auf Grund ihres Äußeren als desintegriert gesetzt. Sie darf weder ihre Stimmer erheben noch ihr eigenes Bild von sich zeichnen, während sie mit allen Mitteln als rückständig und unfrei beschrieben und gezeichnet wird. Und wenn das wirklich eine Debatte um Grundwerte ist: Offenheit und Freiheit sehen anders aus…

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