Fair Shopping around the Globe – Montreal

Ich habe lange überlegt, inwiefern (und ob überhaupt) ich die Reisen, die mein Broterwerb als Flugbegleiterin so mit sich bringt, in dieses Blog  einfliessen lassen soll. Einkaufen war immer meine Lieblingsstrategie gegen den omnipräsenten Jetlag – ein ständiger will-ich-das-brauch-ich-das-soll-ich-das-kaufen-Reiz, der mich wach gehalten hat. Durch meine fair Shopping Vorsätze dieser Wunderwaffe beraubt hat, werde ich ab jetzt meine Bemühungen dokumentieren, vor Ort überhaupt noch was zum Anziehen zu finden. Hier kommt also meine neue Kolumne: Fair Shopping around the Globe.

Der Reigen beginnt mit Montreal, bis dato eine meiner favorisierten Einkaufsdestinationen. Alle von mir geliebten (und mittlerweile als untragbar aussortieren) Geschäfte reihen sich auf der Rue St. Catherine aneinander – zehn Gehminuten vom Hotel, war wirklich immer total praktisch. Da die Strasse zu Einkaufszwecken gar nicht mehr entlanglaufen möchte, beginne ich schon zu hause mit meinen Recherchen. Der sich verdichtende Eindruck ist: Montreal scheint nicht gerade ein fair Shopping Paradies zu sein. Es gibt ein bis zwei Geschäfte, die ein kleines Sortiment an Kleidern haben sollen, aber nicht gerade um die Ecke liegen. In der Nähe befindet sich genau ein „faires“ Geschäft: American Apparel.

Der Hersteller schreibt sich seit jeher faire Herstellungsbedingungen auf die auf die Fahne und ist damit hip geworden – außerdem fällt er gerne mal durch sexistische Werbung auf. AA produziert in Los Angeles, zum zweifachen des amerikanischen Mindestlohns, aber immer noch unter Bedingungen, bei denen die Amerikaner_inner den Einwanderer_innen gerne den Vortritt lassen. Bei letzteren hat AA  wegen ihren Sozialleistungen einen hervorragenden Ruf, denn ausser 13 Dollar Stundenlohn zahlen sie ihrer Belegschaft auch noch die Krankenversicherung. Ihr jüngster Skandal hat ein viertel der Belegschaft als illegal entlarvt, für deren Bleiberecht sich die Firma immerhin eingesetzt hat. Wo oder unter welchen Bedingungen die verwendete Baumwolle hergestellt wird, bleibt allerdings völlig im Dunkeln, was in Punkto Schutz vor Pestiziden und existenzsichernden Löhnen durchaus wissenswert wäre. Zur Steigerung der Verkaufszahlen  hat AA unlängst eine Einstellungspraxis eingeführt, bei der die Bewerber_innen nach ihrem Äußeren ausgesucht werden. In einer Linie nebeneinander aufgereiht werden Noten fürs Erscheinungsbild vergeben, die Entscheidung fällt dann anhand von Ganzkörperfotos in der Chefetage. Mit Piercings oder Tattoos sieht es schlecht aus mit einem Job als Verkäufer_in,  fehlende Attraktivität ist ein Kündigungsgrund. Das alles für einen Job, der mit 9 Dollar nur knapp über dem Mindestlohn vieler amerikanischer Bundesstaaten entlohnt wird. Aktuell such American Apparel „THE NEXT BIG THING“ – ein XL-Modell, dass dann ihre Kurven in genau den ach so verkaufssteigernden Posen zeigen darf, die sonst den Magermodells vorbehalten sind. Darüber kann mensch geteilter Meinung sein – immerhin brechen sie damit ein Schönheitsideal – was die viel-nackte-Haut-verkauft-viel-Kleidung-Nummer allerdings nicht weniger sexistisch macht. Dass ihr Macher unlängst erklärte, er könne den Ausdruck „fair wear“  langsam nicht  mehr hören, macht auch nicht gerade Lust auf mehr. Und so geht es weiter: gleich mehrere Klagen wegen sexueller Belästigung am Arbeitsplatz, Gewerkschaftsgründungen sind unerwünscht. Mein klares Fazit vor Abflug ist: für ein Unternehmen, dass seine Klamotten unter fairen Bedingungen unters Volk bringt, kann ich AA nicht wirklich halten.

Die Neugier auf ihre Ware und die Tatsache, seit einem geschlagenen halben Jahr keine Klamotten mehr gekauft zu haben (von der bevorstehenden kalten Jahreszeit, für die ich wie immer miserabel gerüstet bin, ganz zu schweigen), trieb mich dann doch vor ihre Filiale in der Rue St. Chatherine. Nach einem Blick ins Schaufenster wird klar, dass ich für das Gebotene meine Vorsätze sicher nicht brechen muss. Der 5. September tat dann sein übriges, um mir die Entscheidung abzunehmen. Passenderweise war Labour Day – und an diesem Tag sind sogar in Nordamerika die Geschäfte mal geschlossen.

Tauschen statt kaufen

Hier noch ein kleiner Nachtrag zu „Warum fair shoppen feministisch ist“. Eine alternative Einkleidungsstrategie hatte ich tatsächlich ganz vergessen: Klamottentauschbörsen! Belebt vorkapitalistische Strukturen, setzt der Verschwendung etwas entgegen und bietet Ware zum anfassen und weitertragen. Während ich hier in der süddeutschen Provinz in Sachen fair shopping auf Online-Shops und Second-Hand-Läden angewiesen bin, sei allen Großstadtkindern die Plattform Klamottentausch empfohlen, die Termine für Kleidertauschveranstaltungen vor Ort auflistet.  Deren Betreiber schreibt auf seinem Blog unter anderem zum Thema Nachhaltigkeit und stellt ebenfalls eine erschöpfende Liste öko-fairer Online-Shops zur Verfügung. Anklicken lohnt sich. Ein bisschen kommerzieller gestaltet sich Kleiederkreisel, eine gebührenfreie Online-Plattform zum Klamotten tauschen, kaufen und/oder verschenken.

Warum fair shoppen feministisch ist

Textilien werden in globaler Arbeitsteilung hergestellt. Die Kleidungsstücke reisen im Herstellungsprozess mehrmals um die Welt, bevor sie in den Auslagen unserer Geschäfte landen. Von der Baumwollernte auf den Feldern übers Färben bis in die Näherei sind die Arbeitsbedingungen mies bis menschenverachtend: Arbeit ohne Pause und ausreichende Schutzkleidung, ohne existenzsichernde Löhne, nicht selten kommen Kinder zum Einsatz. Das betrifft nicht nur die Ware von Billigdiscountern, sondern die aller großen Textilkonzerne. Usbekistan ist der zweitgrößte Exporteur von Baumwolle, dort werden zur Baumwollernte kurzerhand die Schulen geschlossen. Das heißt staatlich verordnete Kinderarbeit mit engen Quoten und harten Strafen bei Nichterfüllung. Rund achtzig Prozent aller Textilverarbeitenden sind weiblich und Kinderarbeit ist immer dann die Regel, wenn viel Handarbeit zu leisten ist, wie zum Beispiel bei der Baumwollernte oder bei feinen Stickereien. Die Lohnkosten einer Hundert-Euro-Jeans belaufen sich auf einen Euro, während fünfundzwanzig für die Werbung ausgegeben werden. Die exorbitante Gewinnspanne von fünfzig Euro streichen die Textilriesen ein. Da scheint es ein leichtes, dem Individualismus und Liberalismus den Rücken zu kehren und sich der anti-kapitalistischen Wurzeln des Zweite-Welle-Feminismus zu erinnern und nur noch fair und ökologisch nachhaltig hergestellte Ware zu kaufen. Das wäre ein solidarischer Akt mit den Frauen und Kindern, die für die Herstellung unserer Fünf-Euro-Shirts und teuren Markenjeans für Hungerlöhne schuften.

Wer sich also aufmacht, nach fair und ökologisch nachhaltig hergestellter Kleidung zu suchen, stößt leider bald an Grenzen. Da es keine staatlich geschützten Siegel gibt, quälen sich die Kaufwilligen durch eine unübersichtliche Vielfalt selbst kreierter Herstellerlabels. Zahlreiche Foren für die weltweit schnellst wachsende Konsumierendengruppe schaffen Abhilfe – doch der Aufwand bleibt. Darüber hinaus auch die Unsicherheit, ob ein Label tatsächlich durchgängig auf faire und ökologisch nachhaltige Produktionsbedingungen setzt. Wer Siegel auf ihren Standard überprüfen will, kann sie bei label-online.de einspeisen, das mit 450 verzeichneten Labels aller Art das größten europäische Portal ist. Die Anzahl der verlässlichen Herstellungssiegel beschränkt sich jedoch auf zwei: GOTS (Global Organic Textile Standard), das einzige umfassende Öko- und Sozialsiegel und FWF (Fair Wear Foundation), das strengste reine Sozialstandardsiegel. Ein weiteres Problem stellt die eingeschränkte Auswahl dar, ein anderes der höhere Preis. Die meisten fair und nachhaltig hergestellten Kleidungsstücke gibt es nach wie vor nur online zu bestellen. Zwar sind Geschäfte, die solidarischen Konsum ermöglichen, mittlerweile auch in den Strassen der größeren und kleineren Städte angekommen. Dort aber genau die Klamotten zu finden, die dem eigenen Stil und Geldbeutel entsprechen, braucht einiges Durchhaltevermögen. Die existenzsichernden Löhne sind es nicht, die faire und nachhaltige Ware im Endeffekt teurer machen (mit 3 statt einem Prozent Lohnanteil wäre das schon erreicht), sondern die unabhängigen und nahtlosen Kontrollen der Herstellungsbedingungen von der Baumwollernte bis zum Endverbrauchenden, die beim Einsatz von weniger Gift und besseren Schutzmassnahmen eben entsprechend teurer sind. Bewusst Konsumierende werden nicht darum herum kommen, sich gut zu vernetzen, ausgiebig zu recherchieren und ein paar Euro mehr für ihre Kleidung zu zahlen .

Ein Aufwand, der sich lohnt, denn die gute Nachricht ist, dass die wachsende Zahl alternativen Labels mittlerweile einen nicht unerheblich Druck auf die Großkonzerne ausübt. Diese haben neben dem gewünschten maximalem Profit noch eine weitere wichtige Sache zu verlieren, nämlich ihren guten Ruf. Gerne verweisen die großen Textilunternehmen auf die vermeintliche Unkontrollierbarkeit der Zustände in fernen Fabriken. Da sie zahlungskräftige Auftraggeber sind, könnten sie aber sehr wohl auf die Produktionsbedingungen ihrer Zulieferer einwirken. Oft sind es die engen Zielvorgaben und die Preisvorstellungen, die ihre Zulieferer unter Druck setzen und bei Kontrollen zur Vorspiegelung falscher Tatsachen führen. Jede Kaufentscheidung ist ein Mittel, Großkonzerne unter Druck zu setzen und zum Umdenken zu bewegen. Sie ist eine Möglichkeit, sich im globalen Produktionskarusell zur positionieren und so auf die Arbeitsbedingungen der Textilbranche einzuwirken. Wer sich die Mühe macht, nach fair und nachhaltig hergestellter Ware zu suchen, handelt solidarisch und ist bereits auf dem Weg in eine post-kapitalische Gesellschaft, in der Entscheidungen anhand von ethischen Koordinaten anstelle bloßer Profitorientierung getroffen werden.

Um den Berg an aussortierter Kleidung in Deutschland nicht über die 1,5 Milliarden Stück pro Jahr hinauswachsen zu lassen, bieten sich noch andere Einkleidungsstrategien an: Qualitätsware und Klassiker kaufen, die auch nach mehreren Jahren noch tragbar sind – auf Biobaumwolle umsteigen, für die allgemein höhere soziale Standards in der Herstellung gelten – Lieblingslabels überprüfen und gegebenenfalls transparente oder bessere Herstellungsbedingungen fordern – Kampagnen unterstützen – Kleidungsstücke tauschen, verschenken oder second-hand (ver)kaufen.

Quellen und Bücher mit Bekehrungspotential:

  • Kirsten Brodde: Saubere Sachen. Wie man grüne Monde findet und sich vor Öko-Etikettenschwindel schützt, München 2009
  • Greenpeace Magazin: Textil-Fibel 4, 2/2011
  • Mode, Macht und Frauenrechte. Schriftenreihe NEIN zu Gewalt an Frauen, Tübingen 2003
  • Klaus Werner, Hans Weiss: Das neue Schwarzbuch Markenfirmen. Die Machenschaften der Weltkonzerne, Wien 2006

Blogs und Links:

Kampagnen

Dieser Artikel entstand auf der Recherchegrundlage eines Beitrages zum Queerfeministischen Taschenkalender der Riotskirts, den ich seit 2010 regelmässig kaufe und (nicht nur wegen meiner Mitarbeit an der kommenden Ausgabe ;-) wärmstens empfehlen kann.