Warum fair shoppen feministisch ist

Textilien werden in globaler Arbeitsteilung hergestellt. Die Kleidungsstücke reisen im Herstellungsprozess mehrmals um die Welt, bevor sie in den Auslagen unserer Geschäfte landen. Von der Baumwollernte auf den Feldern übers Färben bis in die Näherei sind die Arbeitsbedingungen mies bis menschenverachtend: Arbeit ohne Pause und ausreichende Schutzkleidung, ohne existenzsichernde Löhne, nicht selten kommen Kinder zum Einsatz. Das betrifft nicht nur die Ware von Billigdiscountern, sondern die aller großen Textilkonzerne. Usbekistan ist der zweitgrößte Exporteur von Baumwolle, dort werden zur Baumwollernte kurzerhand die Schulen geschlossen. Das heißt staatlich verordnete Kinderarbeit mit engen Quoten und harten Strafen bei Nichterfüllung. Rund achtzig Prozent aller Textilverarbeitenden sind weiblich und Kinderarbeit ist immer dann die Regel, wenn viel Handarbeit zu leisten ist, wie zum Beispiel bei der Baumwollernte oder bei feinen Stickereien. Die Lohnkosten einer Hundert-Euro-Jeans belaufen sich auf einen Euro, während fünfundzwanzig für die Werbung ausgegeben werden. Die exorbitante Gewinnspanne von fünfzig Euro streichen die Textilriesen ein. Da scheint es ein leichtes, dem Individualismus und Liberalismus den Rücken zu kehren und sich der anti-kapitalistischen Wurzeln des Zweite-Welle-Feminismus zu erinnern und nur noch fair und ökologisch nachhaltig hergestellte Ware zu kaufen. Das wäre ein solidarischer Akt mit den Frauen und Kindern, die für die Herstellung unserer Fünf-Euro-Shirts und teuren Markenjeans für Hungerlöhne schuften.

Wer sich also aufmacht, nach fair und ökologisch nachhaltig hergestellter Kleidung zu suchen, stößt leider bald an Grenzen. Da es keine staatlich geschützten Siegel gibt, quälen sich die Kaufwilligen durch eine unübersichtliche Vielfalt selbst kreierter Herstellerlabels. Zahlreiche Foren für die weltweit schnellst wachsende Konsumierendengruppe schaffen Abhilfe – doch der Aufwand bleibt. Darüber hinaus auch die Unsicherheit, ob ein Label tatsächlich durchgängig auf faire und ökologisch nachhaltige Produktionsbedingungen setzt. Wer Siegel auf ihren Standard überprüfen will, kann sie bei label-online.de einspeisen, das mit 450 verzeichneten Labels aller Art das größten europäische Portal ist. Die Anzahl der verlässlichen Herstellungssiegel beschränkt sich jedoch auf zwei: GOTS (Global Organic Textile Standard), das einzige umfassende Öko- und Sozialsiegel und FWF (Fair Wear Foundation), das strengste reine Sozialstandardsiegel. Ein weiteres Problem stellt die eingeschränkte Auswahl dar, ein anderes der höhere Preis. Die meisten fair und nachhaltig hergestellten Kleidungsstücke gibt es nach wie vor nur online zu bestellen. Zwar sind Geschäfte, die solidarischen Konsum ermöglichen, mittlerweile auch in den Strassen der größeren und kleineren Städte angekommen. Dort aber genau die Klamotten zu finden, die dem eigenen Stil und Geldbeutel entsprechen, braucht einiges Durchhaltevermögen. Die existenzsichernden Löhne sind es nicht, die faire und nachhaltige Ware im Endeffekt teurer machen (mit 3 statt einem Prozent Lohnanteil wäre das schon erreicht), sondern die unabhängigen und nahtlosen Kontrollen der Herstellungsbedingungen von der Baumwollernte bis zum Endverbrauchenden, die beim Einsatz von weniger Gift und besseren Schutzmassnahmen eben entsprechend teurer sind. Bewusst Konsumierende werden nicht darum herum kommen, sich gut zu vernetzen, ausgiebig zu recherchieren und ein paar Euro mehr für ihre Kleidung zu zahlen .

Ein Aufwand, der sich lohnt, denn die gute Nachricht ist, dass die wachsende Zahl alternativen Labels mittlerweile einen nicht unerheblich Druck auf die Großkonzerne ausübt. Diese haben neben dem gewünschten maximalem Profit noch eine weitere wichtige Sache zu verlieren, nämlich ihren guten Ruf. Gerne verweisen die großen Textilunternehmen auf die vermeintliche Unkontrollierbarkeit der Zustände in fernen Fabriken. Da sie zahlungskräftige Auftraggeber sind, könnten sie aber sehr wohl auf die Produktionsbedingungen ihrer Zulieferer einwirken. Oft sind es die engen Zielvorgaben und die Preisvorstellungen, die ihre Zulieferer unter Druck setzen und bei Kontrollen zur Vorspiegelung falscher Tatsachen führen. Jede Kaufentscheidung ist ein Mittel, Großkonzerne unter Druck zu setzen und zum Umdenken zu bewegen. Sie ist eine Möglichkeit, sich im globalen Produktionskarusell zur positionieren und so auf die Arbeitsbedingungen der Textilbranche einzuwirken. Wer sich die Mühe macht, nach fair und nachhaltig hergestellter Ware zu suchen, handelt solidarisch und ist bereits auf dem Weg in eine post-kapitalische Gesellschaft, in der Entscheidungen anhand von ethischen Koordinaten anstelle bloßer Profitorientierung getroffen werden.

Um den Berg an aussortierter Kleidung in Deutschland nicht über die 1,5 Milliarden Stück pro Jahr hinauswachsen zu lassen, bieten sich noch andere Einkleidungsstrategien an: Qualitätsware und Klassiker kaufen, die auch nach mehreren Jahren noch tragbar sind – auf Biobaumwolle umsteigen, für die allgemein höhere soziale Standards in der Herstellung gelten – Lieblingslabels überprüfen und gegebenenfalls transparente oder bessere Herstellungsbedingungen fordern – Kampagnen unterstützen – Kleidungsstücke tauschen, verschenken oder second-hand (ver)kaufen.

Quellen und Bücher mit Bekehrungspotential:

  • Kirsten Brodde: Saubere Sachen. Wie man grüne Monde findet und sich vor Öko-Etikettenschwindel schützt, München 2009
  • Greenpeace Magazin: Textil-Fibel 4, 2/2011
  • Mode, Macht und Frauenrechte. Schriftenreihe NEIN zu Gewalt an Frauen, Tübingen 2003
  • Klaus Werner, Hans Weiss: Das neue Schwarzbuch Markenfirmen. Die Machenschaften der Weltkonzerne, Wien 2006

Blogs und Links:

Kampagnen

Dieser Artikel entstand auf der Recherchegrundlage eines Beitrages zum Queerfeministischen Taschenkalender der Riotskirts, den ich seit 2010 regelmässig kaufe und (nicht nur wegen meiner Mitarbeit an der kommenden Ausgabe ;-) wärmstens empfehlen kann.