Burka revisited

Gerade war ich noch der Meinung, dass das Burka-Verbot in Deutschland nicht ernsthaft diskutiert wird und ich mich erst mal nicht weiter darüber aufregen muss – da verbietet die Stadt Frankfurt einer  Angestellten die Ganzkörperverschleierung im  öffentlichen Dienst. Warum genau, das konnte ich den  Artikeln zum Thema (wie z.B. in der taz) nicht wirklich entnehmen. Scheinbar ist Menschen, deren Gesicht nicht zu sehen ist, einfach nicht zu trauen. Und klar, die Frau, um die es geht, hat natürlich keine freie Entscheidung getroffen, sondern wird von ihrem Mann zum Tragen des Ganzkörperschleiers gezwungen. Wie unwahrscheinlich es ist, dass sie nach der Geburt ihres vierten Kindes unfreiwilliger Weise statt mit Kopftuch voll verschleiert zur Arbeit erscheinen will, darüber will ich mich gar nicht erst auslassen. Darüber, wie wenig sinnvoll es ist, ihr das vermeintlich aufgezwungene Kleidungsstück bei der Arbeit zu verbieten und sie damit auf Haus und Arbeitslosigkeit zurückzuwerfen, allerdings schon. Aber  um die Frau und ihre angenommene Unterdrückung geht es in der Berichterstattung nur marginal, in erster Linie geht es um westliche Grundwerte und deren öffentliches Erscheinungsbild.

Also: muss ich wirklich das Gesicht der Angestellten im Bürgerbüro sehen, um mich von ihr wahrgenommen zu fühlen und betreut zu werden? Inwiefern hält der Ganzkörperschleier sie davon ab, ihre Aufgabe freundlich und kompetent zu erledigen? Um wessen Freiheit und um wessen Rechte geht es hier? Wie eine Kommentatorin eines weiteren taz-Artikels sinnig bemerkt, ist es auch mir lieber, freundlich und kompetent betreut zu werden, als freie Sicht auf Gesicht und Körper zu haben. Letzteres zähle ich weder zu meinen Grundrechten noch zu meinen Bedürfnissen.

Bleibenden Eindruck haben die Bilder hinterlassen, mit denen die Debatte illustriert wurde: kein Nikab, kein Tschador (die wohlgemerkt die Augen offen lassen, was  zur Wahrnehmung der anderen Person durchaus genügen dürfte, wenn die Argumentation schon so geführt wird), nein: die grau-blaue, afghanische Burka wird abgebildet – kein anderes Bild wirkt so polarisierend, wenn es um die Konstruktion der vom Islam unterdrückten Frau geht (auch an anderer stelle ist das schon aufgefallen). Dass das vermutlich nicht der Ganzkörperschleier ist, in dem  die Frau zur Arbeit erscheinen wollte, wird dann  im bereits verlinkten weiteren taz-Artikel erwähnt, in der Bildunterschrift oder im fraglichen Artikel allerdings nicht (die nzz hat es immerhin geschafft, eine Bilderstrecke verschiedener Ganzkörperschleier anzuführen, obwohl auch hier die Burka als visueller Aufhänger dient). Wer sich gerne kurz und knapp einen Überblick über die  meist getragenen Ganzkörperschleier verschaffen möchte, kann mal kurz hier klicken. Da die Frau, um die es geht, marokkanische Wurzeln hat, ist die Burka wohl eher nicht ihre favorisierte Wahl.

Nach Hessen prüft jetzt auch Niedersachsen das Burka-Verbot  (und das ohne konkreten Anlass) und da ich diesen Artikel unter „Burkablase“ kategorisiert habe, hier ein paar Zahlen, die ich der Juniausgabe von an.schläge (2010) entnommen habe: in Deutschland gibt es 100 Frauen, die sich voll verschleiern (von 3 Mio. Muslimen und Muslimas),  in Frankreich 2000 (von 5 Mio. Muslimen und Muslimas), in Dänemark sind 50% der  Trägerinnen konvertierte Däninnen –  in den anderen europäischen Staaten sieht es nicht viel anders aus. Das ist nicht viel, aber die Tatsache allein scheint in der europa-weiten Burkadebatte keine Rolle zu spielen. Sicher, bereits eine  einzige entwürdigte Frau ist schützenswert und diese Tatsache führt zu einem interessanten Punkt.  Wird die Würde der scheiertragenden Frau automatisch verletzt, weil der Islam frauenfeindlich ist und muslimische Frauen grundsätzlich keine eigenen Entscheidungen treffen? Immerhin ist es ja vorstellbar, dass sie schleiertragend ihre Würde wart und nicht etwa verliert. Die Frau selber kommt mal wieder nicht zu Wort, bzw. findet keine Fürsprecher, solange sie den Schleier trägt. Statt dessen wird über sie gesprochen und ihr eines der finsteren Bilder zugewiesen, die der Okzident für den Orient momentan zur Verfügung hat: das grau-blaue Ganzkörpergefängnis aus Afghanistan.

Was mich am meisten aufregt: Hier wird der Grad der Entblößung des weiblichen Körpers zum Gradmesser der Freiheit  „unserer“ Gesellschaft und der Integration der Muslima in dieselbe – und das komplett ohne Selbstreflexion des eigenen Standpunkts. Eine Selbstbefragung oder eine Befragung des Gegenübers scheint nicht stattfinden zu müssen, weil Freiheit und Würde in der Argumentationslinie bereits gesetzt und nicht verhandelbar sind. So wird die verschleierte Frau auf Grund ihres Äußeren als desintegriert gesetzt. Sie darf weder ihre Stimmer erheben noch ihr eigenes Bild von sich zeichnen, während sie mit allen Mitteln als rückständig und unfrei beschrieben und gezeichnet wird. Und wenn das wirklich eine Debatte um Grundwerte ist: Offenheit und Freiheit sehen anders aus…

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12 Gedanken zu „Burka revisited

  1. die entscheidende frage ist:
    ist das tragen der burka freiwillig motiviert oder resultiert es aus gesellschaftlichen und reiligiösen zwängen heraus….

    wenn letzteres der fall ist, dann ist der ausdruck ganzkörpergefängniss absolut zutreffend.
    sogar körperverletztung könnte man noch mitanfügen, da der körper ohne sonnenlicht weniger vitamin d und serotonin produziert…
    als frau würde ich mir unheilich unterdrückt vorkommen, wenn ich im sommer eine burka tragen müsste, während alle anderen dem wetter angepasste kleidung tragen. in afgahnistan wäre das normal, aber in frankfurt oder berlin?

    wenn aber ersteres wirklich der fall ist, so unwahrscheinlich sich das auch für uns im westen anfühlt, dann ist es absolut ok, wenn eine frau burka trägt, weil sie es so will… um es mit rosa luxemburg zu sagen: „FREIHEIT IST IMMER DIE FREIHEIT DER ANDERSDENKENDEN“.

  2. Pingback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » Ganz viel Quote – die Blogschau

  3. Freiheit ist immer die des Andersdenkenenden? Und hier ist offenbar egal, was der Andere so denkt und was für eine Geschichte und Ideologie an der Burka klebt. Hier ist es ein ganz normales Kleidungsstück, genau wie eine Hose oder ein Rock. Egal, dass Frauen im Ursprungsland der Burka für das Nichttragen schon mal zu Tode gebracht werden – ist ja Freiheit dieser Andersdenkenden. Hier zählt nur die persönliche Entscheidung. Eine Haltung muss man dazu nicht haben. Aber wehe, jemand zieht sich aus ganz persönlicher Freiheit eine Naziuniform an, nicht? DAS geht dann doch zu weit.

    • Nein, es ist eben nicht egal, was der andere so denkt – das Gegenteil war gemeint… Was für eine Motivation die Frau hat, ist eben nicht egal, wird aber in der ganzen Debatte quasi per se als Unterdrückung gesetzt. Wenn in einem Land das Nichttragen mit dem Tode bestraft wird, dann wird die Freiheit der Andersdenkenden (in dem Falle derjenigen, die sie nicht tragen wollen), eben nicht berücksichtigt – und was das jetzt mit Naziuniformen zu tun hat, will sich mir nicht erschließen…

  4. Darüber hinaus gibt es ja in europäischen Länder durchaus Gesetze, die die Selbstbestimmung der Frauen eigentlich schützen sollten. Auch aus dem Grund ist ein Burkaverbot in meinen Augen doppeltgemoppelt.. Diese Gesetze müssten dann eben auch nur zum tragen kommen.

    • In Frankreich gab es vor dem Burkaverbot auch kein Vermummungsverbot, wie wir es hier in Deutschland kennen. So werden dann mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen und das alles unter dem Deckmantel der ‚Frauenbefreiung‘..

  5. Ich weiss ja nicht, was die Frau will – aber im Bürgerbüro, also in einem öffentlichen mit Personenverkehr – ich fänds schon mehr als irritierend wenn ich von der Angestellten weder Augen noch Mund sähe. Ich find schon, das „Gesicht zeigen“ in Europa zur Komunikation sehr wichtig ist. Über 50% der Komunikation geht ja unterbewusst über Mimik/Gestik. Insofern finde ich schon auch das man einer Angestellten die ihr Gesicht nicht den Kunden zeigen möchte dann eine Aufgabe zuteilen darf wo sie nix mit Bürgern zu tun hat oder sie soll halt wo anders arbeiten. Kopftuch oder Mantel würde mich jetzt garnicht stören. Wär ja auch mal interessant was die Dame selber dazu meint.

  6. Aber was mich jetzt doch wirklich mal interessieren würde: Aus welchem Grund trägt frau denn freiwillig dieses Ding? Ich kann das einfach nicht nachvollziehen. Ist es die Art von Freiwilligkeit, aus der heraus hier viele Frauen immer geschminkt rausgehen (weil sie mehr oder weniger insgeheim ohne nicht schön genug finden um sich rauszutrauen)? Was den Hintergrund hat, dass Frauen in unserer Gesellschaft erzählt wird sie hätten sich zu allererst über ihr Äußeres (und wie gut dieses bei allen Männern die sie jemals treffen (!) ankommt) zu definieren und danach erst darüber was sie selbst ausmacht. Ich habe mich schon als 14jährige in der Schule geschminkt; wenn ich meine Schminke vergessen hatte, haben mich den ganzen Tag Leute gefragt, ob ich krank sei, nicht geschlafen hätte oder was mit mir los sei. Ständig diese Bemerkungen über mein Aussehen. Natürlich habe ich mich die nächsten Jahre immer brav geschminkt bevor ich das Haus verlassen hab. Ganz freiwillig.

    • das könnten dir wohl nur burka-tragende frauen beantworten – aber ich versteh schon, worauf du raus willst: sozialen druck nachgeben ist natürlich keine freiwilligkeit. einer der punkte, auf den ich raus wollte, ist aber genau der: nur weil „wir“ und nicht vorstellen können, warum eine das freiwillig tut (oder ob das überhaupt freiwillig sein kann), heißt das nicht automatisch, dass es auch so ist. falls es tatsächlich nicht freiwillig geschieht, würde ich es auch ablehnen – aber das per se zu unterstellen, nur weil ich es mir nicht vorstellen kann – nein. das sind genau die konstruktionsmeschanismen des angeblich rückständigen, frauenunterdrückenden islam, die ich mit meiner analyse aufbrechen wollte. ich denke aber schon, dass es zwischen dem frauenkörper, der (durch den ganzkörperschleier) dem blick entzogenen ist und dem frauenkörper, der (druch schönscheitideale normiert) dem blick ausgesetzt ist, eine analogie gibt – aber das wäre stoff für einen komplett neuen blogpost oder gar für eine wissenschaftliche arbeit :)

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